Schielt das Volk?

Ich wohne im Sihlwald, mitten im Wildnispark, dem grössten zusammenhängenden Mischwald der Schweiz, einem Naturschutzgebiet von der Bedeutung des schweizerischen Nationalparks – und ich bin stolz darauf. Unter meinem Dach leben Fledermäuse und Hausrotschwänzchen. Kommt man zu mir nach Hause, so passiert es gelegentlich, dass ein Hase, Fuchs oder Reh den gleichen Weg geht, ohne allzu sehr zu erschrecken. Das Tier hoppelt, schleicht, trippelt eine Weile auf der Strasse voraus und nimmt dann seinen Abzweig ins Dickicht. Im letzten Winter beobachtete ich einen Bussard, der auf der Waldstrasse mit einer erjagten Taube herumhüpfte: Sie war ihm zu schwer, so dass er nicht mehr auffliegen konnte. Erst als ich wirklich heim- und an ihm vorbeimusste, liess er sie liegen und schwang sich in die Luft…

Es muss um dieselbe Zeit gewesen sein, als – am 13. Dezember 2012 – die SVP Langnau in einer konzertierten Aktion an der Gemeindeversammlung verhinderte, dass der Beitrag der Gemeinde (als Mit-Stifterin) an den Wildnispark von 40’000 auf 48’000 Franken erhöht würde. Nun klopft sie sich auf ihrer Website auf die Schulter: «Augenmass beim Volk.» Flugs einen Artikel im «Wir Langnauer» nachgeschoben. Wie üblich hat die SVP einen Braten gerochen und sich die Unzufriedenheit, den Egoismus und – ja, man muss es leider so sagen – das Unwissen einiger weniger zunutze gemacht, um sich zu profilieren. Man kann es kaum Augenmass nennen, wenn das Budget einer gemeinnützigen Sache von landesweiter Bedeutung um 2 Promille geschmälert wird. Oder schielt vielleicht das Volk? Ja und nein.

Einerseits: Ja. Dieses Volk schielt so sehr auf die eigene Nase, dass es nicht darüber hinaussehen kann. Es will seinen Hund ohne Leine ins Wildschongebiet lassen, auf allen Wegen und unbedingt auch in die Kernzone des Schutzgebiets reiten, mit dem Velo ebenso, und dies ganz besonders auf dem schmalen Gratweg. Es tackert wütende Pamphlete an Bäume, schneidet Rechtecke aus Baumrinden, wenn darauf «Kernzone» steht, durchtrennt mit der Motorsäge Stämme, die als Sperren auf Schleichwegen liegen. Es gründet eine «IG Sihlwald für Alle» und lässt ein mediales Geheul vom Stapel: Man dürfe nicht mehr in den Wald, die Stiftung betreibe eine Salamitaktik und schliesse das Volk immer mehr vom Erholungsgebiet aus. Und nun hat dieses Volk die Nase voll und organisiert am 9. Mai einen Sternmarsch auf die Hochwacht, zum Protest gegen die Herrschaft des Naturschutzgebiets und seiner Stiftungsvögte aus Zürich!

Andererseits: Nein. «Das Volk» besteht nicht aus jenen 66 SVP-nahen Schnäuzen, die die 8000 Franken strichen. Es hat in der Regel auch kein Ross, biket nicht downhill und muss nicht unbedingt nachts mit der Stirnlampe in den Wald. Das Volk akzeptiert die Schutzverordnung von 2008 und weiss, dass nun einfach die grosszügig gewährten Übergangsbestimmungen sukzessive auslaufen. Es versteht auch, dass die Stiftung daran gar nichts ändern kann, ohne das nationale Gütesiegel zu verlieren, und dass Druckversuche daher zwecklos sind. Das Volk liebt wahrscheinlich grösstenteils den verwunschenen, lauschigen Sihlwald, das einmalige Urwalderlebnis in unmittelbarer Stadtnähe, und sagt es einfach nicht so laut. Vielleicht könnte dieses Volk auch am Sternmarsch teilnehmen, mit einem T-Shirt, auf dem Steht «I love Wildnispark Sihlwald – mit allem, was dazu gehört»? Danke!