Schule geben

Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird das Gröbste bereits hinter mir liegen. Im Verlaufe dieser Woche werde ich acht Schulklassen zum ersten Mal begegnet sein. Vorläufig noch fahre ich Zug, entwerfe die besten Lektionen der Welt und studiere Schülerskizzen. Denn das Glück in Form eines grossen Pensums an Zeichen- und Werkunterricht wartet in Basel auf mich.

Also pendeln für ein halbes Jahr. «Uff», denken Sie jetzt, «pendeln!». Fragen Sie mich im Herbst wieder, aber vorläufig gefällt mir das Zugfahren. Morgens um halb sieben packe ich mein Bündel und gehe in die frische, neue Welt hinaus. Vögel pfeifen, Züge quietschen, Fahrgäste schnarchen. Es tagt. Das Mittelland flitzt vorbei.

Ich schreibe Namenlisten. Hundert neue Namen gilt es zu lernen, bis aus hundert unbeschriebenen Blättern mit hundert Milchgesichtern hundert Persönlichkeiten werden. Oceana, Lumturie, Duygu. Sirena, Debora, Noelia. Meeres- und Jagdgöttinnen, Lichtgestalten und Schönheiten steigen vor meinem geistigen Auge auf. Julian, Stefano, Brian. Dogukan, Rinesch, Ertem. Kaiser, Heilige und Märtyrer aus allen Ländern dieser Erde reichen mir im Traum die Hand. Bis Ende Woche werden sie sich verwandelt haben in: stille Wasser, Heimlifeisse, Alleskönner. Spassvögel, Schwatzbasen, Tussis. Nervensägen, Verhaltensgestörte, Klassenclowns. Küken, Verwahrloste, Lieblingsschülerinnen.

Die Hälfte davon wird mein Fachwissen mit verkehrt herum montierten Stuhlbeinen und grössenwahnsinnigen Ideen für Tischlampen auf die Probe stellen. In Ilirs Entwurf steht: «Eine Holzplatte kommt dorthin.» Maguette bestellt: «Plexiglas, blau (vielleicht).» Jonathan plant «sehr viel Draht, schwarze Farbe, Jeansstoff». Anja will den «Deckel mit Leim verleimen.» Die andere Hälfte wird statt auf Blätter auf Tische zeichnen oder während zwei Stunden drei Striche malen. Im Unterricht singen, Haare zusammenbostitchen, sich neue Namen für mich ausdenken. Frau Müll; Frau Mülleimer; luftiger, lockerer, leckerer; Müllerkeks; Ina und usa.

Es wird schon schief gehen. Schliesslich habe ich den Job gelernt. Repetiere im Zug fleissig Skripten aus dem Studium: «Dem Pädagogen ist Helfen und Erzeihen Bedürfnis. Er hat die Gabe der Einfühlung. Er versucht, dem Einzelnen in seinem ganz persönlichen Sein gerecht zu werden. Durch das Medium des die Herzen anrührenden Wortes schafft er ein Klima des Vertrauens, in welchem es leichter wird, Forderungen zu erfüllen und Pflichten nachzukommen.» Aber: «Der Künstler ist kein Mensch, der aus Liebe und mitmenschlicher Verantwortung hilft – d. h. er ist kein Pädagoge. Es drängt ihn, sich mitzuteilen, aber nicht eigentlich zu lehren. Als Schüler werden ihn nur die Talente interessieren, die seinen Intentionen folgen können – und nur so lange, als sie ihn nicht konkurrenzieren.» Au weia! Oder gar: «Handwerker gibt es viel; denn es sind vergleichsweise viele Menschen, die über geschickte Hände und durchschnittliche Intelligenz verfügen. Dem Handfertigkeitslehrer sind saubere Übungsstücke wichtiger als Selbstverwirklichung. Wenn in seinem Unterricht etwas entsteht, das persönlichen Ausdruck hat, so entsteht es gewissermassen gegen ihn, und er übersieht es geflissentlich.»

Draussen flitzt das Mittelland vorbei. Es dunkelt. Zürich. Drücken Sie die Daumen!