Meine Mutter hatte vier Jahre lang die Primarschule besucht und nie einen Beruf erlernt. Mit 13 Jahren wurde sie Waise und führte ab da den elterlichen Bauernhof im Appennin. Als sie 16 war, drängten ihre Geschwister sie, in die Schweiz zu kommen. Sie waren alle emigriert und sahen die Jüngste nicht gern allein und weit weg. In der Schweiz arbeitete sie als Hilfskraft in Heimen und im Service. Mit 20, das war 1966, wurde sie schwanger. Zur Selbständigkeit entschlossen, floh sie in die Heimat, wurde aber von ihrem Bruder zurückgeholt. Es folgte die Heirat, ein zweites Kind, die Scheidung, ein drittes Kind, die Zweite Heirat. Meine Mutter arbeitete in der Administration einer Bank, später führte sie – erfolglos – eine Boutique. Nach der zweiten Scheidung übernahm sie ein kleines Café und als dieses scheiterte, füllte sie im Warenhaus zunächst Gestelle auf. Bis zu ihrer Pensionierung 2010 arbeitete sie über Jahre zu rund 50 % in einem Takeaway, auf Abruf zu einem Stundenlohn von 21.50 Franken.
Dass meine Mutter daneben noch einen tadellosen Haushalt führte, habe ich als Teenager belächelt. Dass sie nicht mehr unabhängig sein wollte, habe ich ihr übelgenommen. Sie war mir so recht ein abschreckendes Beispiel einer frustrierten Hausfrau (ein vielbemühter Topos in meiner Jugend: Mutti versauert, da zu blöd, sich die Selbständigkeit zu organisieren, und gibt sich aus Frust lauter Lächerlichkeiten hin – vom Hausfrauentratsch über die Hausfrauenkunst bis zum Hausfrauensex), ich ortete Emanzipationsverweigerung. Nun, mit der Erfahrung eines halben Frauenlebens, scheint mir nicht mehr so eindeutig wie damals, dass sie tatsächlich eine Alternative gehabt hätte – und dass die Emanzipation so klar nur ihre Sache gewesen wäre.
Heute sehe ich, mit welcher Propaganda-Maschinerie die Rechte bewusst Themen setzt und desinformiert: Mit dem Sozialschmarotzer-Hype wird vom Armutsproblem der Schweiz abgelenkt – im Kern ein Frauenproblem, denn am stärksten betroffen sind alleinerziehende Mütter! Mit dem unsäglichen Arme-Väter-Thema wird davon abgelenkt, dass noch immer die Frauen die Dreifachbelastung von Beruf, Familie und Gratis-Betreuungspflichten tragen. Mit dem Schreckgespenst Allmacht-gieriger und dabei inkompetenter Politikerinnen wird davon abgelenkt, dass gleichwertige Aufstiegschancen für Frauen und insbesondere für Mütter noch immer rar sind. Mit dem Anspruch, die Alleinvertretung des Schweizer Volkes darzustellen, vertuscht die Rechte, dass sie die Umsetzung von Volksentscheiden geschickt torpediert. So wurde etwa die Alpeninitiative zum zahnlosen Papiertiger; beim Gleichstellungsartikel gilt «Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück». Mit einem faschistoiden Kampfsau-Politstil werden Frauen aus der Politik geekelt.
Lassen wir Frauen uns wirklich einreden, dass wir an all dem selbst Schuld sind? Schlagen wir uns aus Blödheit die Köpfe an einer gläsernen Decke wund? Liegt es an unserer Minderwertigkeit oder am mangelndem Einsatzwillen, dass wir im Beruf stehen bleiben? Haben wir es uns selbst zuzuschreiben, dass die Sozialwerke ausgeplündert und deren Aufgaben uns Frauen überbunden werden?
Nein. 40 Jahre Stimmrecht, 30 Jahre «Gleichstellung», 20 Jahre Frauenstreik – und kaum Grund zum Feiern. 2011 ist Frauenkampfjahr, denn was lange gärt wird endlich Wut! Angry Young Women, Mères en colère – heraus zum 8. März!