Emanzipati- on oder off?

Ich danke Bettina Weber ganz herzlich für ihren feministischen Artikel auf der Auftaktseite des Gesellschaftsbundes im Tagi vom 19. Juni! Eine Analyse der alltäglichen Misogynie ist eine seltene Lektüre. «Dass die eine Hälfte der Bevölkerung der anderen vorgibt, was richtig sei, weil diese eine Hälfte, ganz selbstverständlich, immer noch als das Mass aller Dinge gilt» – so ihr Fazit – mag uns ab und zu dämmern, ohne dass wir Gründe dafür nennen könnten.

Heute scheint es so, als müssten sich Frauen zuerst von allem Weiblichen befreien, um als emanzipiert und den Männern ebenbürtig zu gelten. Dies zeigt sich  an der Überbewertung von Männlichkeitsidealen: Toughness, Kampfsport, Karriere- und Konkurrenzdenken sollen auch Mädchen und Frauen glücklich machen. Der Rollenzwang für die Frauen ist damit nicht kleiner geworden. Die – eher beschworene als bewiesene – Verwirklichung der Gleichberechtigung hat im Gegenzug nicht dazu geführt, dass traditionell weibliche Ideale nun auch für Männer mehrheitsfähige Rollenmuster abgäben (z.B. Häuslichkeit, Stricken, Zurückhaltung, Mütterlichkeit). Die menschliche Schwäche, Zartheit, Verletzlichkeit und Sensibilität bleibt eine urweibliche Sache, die der Mann als Mensch an sich weit von sich weist. Ja, es scheint so, als sollten Qualitäten, durch die bis anhin die weibliche Rolle zu einem grossen Teil definiert wurde, nun ausgerottet werden. Nur was sich davon in einem traditionell männlich gedachten Zusammenhang der Ausserhäuslichkeit, des Erfolgs- und Gewinnstrebens verwerten lässt, scheint erhaltenswürdig zu sein. So muss sich die Frau stets in männlichen Kategorien bewähren und niemals umgekehrt.

Bestes Beispiel dafür ist die heutige Care-Ökonomie. Selbst fortschrittliche Arbeitgeber blenden konsequent aus, dass der Mensch als Frau in der Regel die Familienpflichten trägt. Es wird so getan, als könnte eine Frau diese genauso gut delegieren wie ein Mann und stattdessen Karriere machen. Dass tatsächlich der Bereich der häuslichen Fürsorge mehr und mehr professionalisiert wurde, hat aber keinen gesamtgesellschaftlichen Geschlechterangleich bewirkt. Denn in diesem Bereich arbeiten wiederum Frauen – zu prekärsten Bedingungen und Löhnen. Mit menschenbezogener Arbeit lässt sich eben grundsätzlich kein Mehrwert aus Produktivitätssteigerung abschöpfen. Und wer schaut unterdessen zu ihren Haushalten und Kindern? Ihre Männer wohl zuletzt. Aber auch die «Karrierefrauen» selber haben mit der Übernahme männlicher Werte nicht die souverände Identität, die Handlungsräume und -Vollmachten von den Männern geerbt. So verdienen sie immer noch nicht gleich viel und werden kaum je Chef.

Wir haben es mit der Emanzipation bisher nicht geschafft klarzumachen, dass die Beschränktheit der Weiber eine männliche Zuschreibung ist. Emanzipierte Frauen, im Wahn, endlich als vollwertige Menschen zu gelten, schauen heute zusammen mit den Männern auf jene Frauen herab, die «nur» Weibliches zustande bringen. Wie viele Männer und Frauen schauen aber auf Männer herab, die «nur» Männliches zustande bringen?