Sein und Fahrschein

Schon die zweite Atomkatastrophe in meinem Leben … (Kann es sein, dass das schon 10’000 Jahre her ist? Mir kams vor als wärens nur 25 gewesen.) Beim letzten Mal hab ich den Hebel bei mir angesetzt und Energieverzicht geübt. Es war damals noch weitherum verpönt und ich musste mich recht bemitleiden lassen. Diesmal hat Doris Leuthard (in visionärer Vorausahnung?) den Hebel bei mir angesetzt.

Weil ich mit dem Zug vom Sihltal ins Zürcher Oberland zur Arbeit pendle, soll ich mehr Steuern bezahlen. Denn die Unternehmer verursachen zwar die Pendelfahrten, aber man kann sie nicht mit einer ÖV-Steuer behelligen, weil das den Wettbewerb schwächt. Verbieten wir doch grad Gesamtarbeitsverträge oder das OR – beides geschäftsschädigend gewinnvereitelnde Wettbewerbsverzerrinstrumente! Nun, mich will man also strafend erziehen. Fragt sich nur, in welche Richtung: Soll ich meine qualifizierte Stelle ennet dem See gegen einen Putzjob vor meiner Tür eintauschen? Soll ich statt dem ÖV das Auto nehmen? (Das ginge wesentlich schneller!) Sollen alle Menschen in den Städten wohnen? Sollen alle Arbeitsplätze in den Ballungszentren gleichmässig übers Land verteilt werden? (Mei, das gäbe Flachdächer für Solarzellen!)

Liebe Frau Leuthard. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Vergessen sie die Minutenschinderei auf den grossen Bahnstrecken. Mir doch egal, wenn die Fahrt nach Bern 15 Min. länger dauert. Das Strassennetz frieren wir auf dem Status Quo ein. Damit können Sie mächtig sparen. Und wissen Sie was? Scheiss auf den Wettbewerb! Schauen Sie in die Welt hinaus: Sehen Sie nicht auch die Zeit gekommen, um von der ganzen Banken-Zins-Diktatur Abschied zu nehmen? Wer braucht schon all den Lifestyle-Wegwerf-Kram, der dabei verheizt wird? Unmengen von Energie könnten wir mit einem alternativen Energie- und Wirtschaftssytem sparen. Wie das aussehen soll? Keine Ahnung, aber Sie sind ja hier die Vordenkerin, nicht ich.

Ich jedenfalls hätte viele gute Ideen, was ich mit meiner Energie und meinem Können anstellen würde, wenn ich nicht gezwungen wäre, mit meiner Lebenszeit ein absurdes Materialverschleiss- und Wohlstandsumverteilungssystem zu stützen. Ich würde nämlich mehr oder weniger das Gleiche machen wie heute: Jugendlichen die Freuden handwerklichen und gestalterischen Tuns vermitteln. Kindern kreative Freizeit ermöglichen. Nützliche und schöne Dinge kreieren. StudentInnen an meiner Erfahrung teilhaben lassen. Lustige und mahnende Gedanken in Umlauf bringen.

Ich würde dank der eingesparten Pendelzeit der Gesellschaft sogar noch williger dienen, gratis! Ich würde mich mehr um meine Eltern kümmern (Generationenvertrag, Kostensenkung im Gesundheitswesen). Mit meinem Nachwuchs noch öfter gemeinsam kochen (Suchtprävention). Mehr im Garten arbeiten (Subsistenz, Volksgesundheit). Mich für soziale Projekte engagieren, z. B. in entlegene Asylanten-Entsorgungsheime reisen und dort – zugegeben, illegal – etwas Sinnvolles für die isolierten Menschen machen.

Noch so gerne verzichte ich auf meinen geliebten Arbeitsweg, wenn Sie mir dafür so ein tolles Rundum-Ausstiegsprogramm vor die Hütte knallen. Dann können Sie auch gleich die Arschkarte wieder einstecken. Danke!