Ein Thema beschäftigt mich in letzter Zeit immer wieder: Das neue Stufenmodell der Sekundarschule. Statt Sek A, B und C mit hohen, mittleren und tiefen Anforderungen soll es nur noch Sek A und B geben, mit je drei Niveaustufen in Französisch und Mathe. Einige Schulen unterrichten bereits so, andere wehren sich vehement dagegen. Bildungspolitiker wünschen eine weitere Reduktion auf eine Einheitsstufe Sek ABC.
Verkauft wird diese Reform mit schönen Worten: Chancengleichheit, Integrieren statt Stigmatisieren, Förderung statt Selektion. Dazu kommt mir ein lustiger Cartoon in den Sinn: Eine Giraffe, ein Nilpferd, ein Affe und ein Vogel messen ihre Kräfte. Der Spielleiter sagt: «Die Bedingungen sind fair, da für alle die gleichen Regeln gelten – wer am schnellsten auf diesen Baum klettert, gewinnt!»
Die Selektion wird natürlich überhaupt nicht abgeschafft, wenn man einfach das tiefste Schulniveau zumacht (die Wirtschaft würde sich sehr bedanken!), sondern sie findet stattdessen verdeckt statt: In den absolvierten Niveaustufen und in den Noten. Fürs Gymi darfs höchstens einmal Niveaustufe 2 sein, und auch der zukünftige Lehrmeister will die Kids miteinander vergleichen. Und da kann ein nur knapp Bildungsfähiger im Vergleich mit einer A-Schülerin brutal alt aussehen! Fragt sich, was motivierender ist: In die Sek-C gehen und dort im geschützten Rahmen unterstützt werden, oder täglich in der Sek ABC das Gefühl zu kriegen, der letzte Depp zu sein; es trotz Förderstunden, Aufgabenhilfe etc. nicht zu raffen…
Fakt ist, dass die Qualität der individuellen Förderung mit jeder Generalisierung der Niveaus sinkt – wenn nicht gleichzeitig massiv die Klassengrössen reduziert werden. Bisher hatte die Sek A gegen 25 SchülerInnen, die Sek B um die 20 SchülerInnen, und die Sek C deutlich unter 20. Die problembelasteten Kinder brauchen eben mehr Zuwendung als die Überflieger. Diese persönliche Führung, die vielen Rücksprachen mit Eltern und Förderkräften sind sehr zeitintensiv. Natürlich wollen die am oberen Ende der Skala auch gefördert werden und jene, die sich nur knapp im mittleren Niveau halten, ebenso: Die zukünftige Lehrerin muss eine Fördergeneralspezialistin sein. Sie kann sich nicht auf einem Gebiet vertiefen, z.B. auf Leistungsschwache mit sozialen Problemen oder Begabte mit Gymi-Ambitionen, sondern muss es allen recht machen. Damit sind die meisten überfordert – SchülerInnen, LehrerInnen, Schulleitungen, Eltern.
Gleichzeitig hat die Volksschule noch kein Konzept, wie mit Kindern umzugehen ist, die die Anforderungen nach der Aufhebung der Förderklassen nicht erfüllen. Ich stelle grosse Ratlosigkeit und eine verzweifelte Tendenz zur Abschiebung fest. Statt in die Sek C, Kleinklasse oder Sonderklasse gewiesen, werden solche Kinder heute aus der Volksschule hinausgedrängt. Gut Betuchte wählen Privatschulen (die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind) – den anderen empfiehlt man Sonderschulen oder Heime. Ob das weniger stigmatisierend ist? Immerhin heisst das nicht nur Abschied von der Klasse nehmen, sondern auch von der Schule und vom Dorf…
Ich frage mich ernstlich, wer von dem Ganzen profitieren wird. Diesen Gemischtwarenladen als weniger stigmatisierend zu verkaufen, halte ich jedenfalls für Augenwischerei.