Altes Guetsli

Manchmal ist Zeitunglesen ärgerlich. Etwa wenn sich dabei Vorbilder auflösen wie ein Guetsli im Milchkaffee.

Als Teenager las ich selten Zeitung. Dafür viele Bücher. Ich war für den Tierschutz, für den Umweltschutz, gegen AKW, Autos und Krieg. Mit Sechzehn machten ein paar Freunde und ich eine Demo gegen eine Flugschau am Militärflugplatz (Transpi: «öis gfallts nöd»; wir sieben als Totenschädel geschminkt). Im gleichen Jahr wurde ich Feministin. Mit siebzehn gabs an meiner Kanti eine Ausstellung über Kurden. Seither bin ich mit allen Unterhunden solidarisch. In der Schule lernte ich diskutieren und philosphieren, womit ich gerne Lehrer nervte. Dass das Stimmrechtsalter 18 erst eingeführt wurde, als ich gerade 20 wurde, fuchste mich. Noch heute habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine Abstimmung verschlafe.

Und da schrieb doch Res Strehle (genau: der von der WOZ kam) neulich im Tagi, ich wäre als Teenie gescheiter Rollbrett gefahren. Denn im Jahr 16 ihres Lebens hat eine sich nicht für Politik zu interessieren und schon gar nicht abzustimmen. Da schwimmt mein Guetsli und sinkt auf den Grund und löst sich auf zu Brei …

Komplett am Schwanz aufgezäumt ist seine Analyse, das Stimm- und Wahlrecht diene lediglich dazu, den Jungen bessere Leistungen im Staatsbürgerunterricht abzutrotzen und sie damit lebenslänglich zu verdriessen. Hä? Müssen wir jetzt unsere StaBü-Note auf dem Stimmrechtsausweis eintragen? Abstimmen ist doch in der Praxis wirklich superbubi. Müsste man dazu erst lange Staatsbürgerkunde büffeln, wären wohl weite Teile der erwachsenen Bevölkerung überfordert. Zum Kinderkriegen muss man ja auch nicht Anatomie studieren! Jeder Seklehrer und jede Gymilehrerin kann exemplarisch im Rahmen des bestehenden Unterrichts eine aktuelle Abstimmung aufgreifen und mit der Klasse Meinungsbildung, Debatten, Hintgergründe lebensnah und farbig thematisieren. Eltern können das auch, die Gotte, der Onkel, ältere Cliquenmitglieder, die Jugend- und Familienmedien. Warum also gleich wieder einen Leistungsdruck heraufbeschwören? Warum nicht mal Spass haben an einem intelligenten Thema?

Auch wenn es für die abdankenden Generationen des Wirtschaftswunders brutal hart klingt: Menschen sind (auch, aber) nicht nur dazu da, ein Leben lang zweckfreie Spassquellen zu suchen. Sie in dieser Illusion grosszuziehen, ist sträflicher Unsinn. Niemand hat das Recht, seine eigene Politikverdrossenheit in die heutige Jugend hineinzuprojizieren. Wer Jugendliche mit Rollbrettfahren und Fussballbildlisammeln möglichst lange im Laufgitter halten will, darf sich nicht wundern, wenn ihr Aufprall in der Realität zu Zoff führt.

Wir müssen uns doch nicht vor Horden Blödsinn stimmender Halbwüchsiger fürchten! Menschen sind geradezu darauf ausgelegt, einen Sinn zu suchen und Verantwortung zu übernehmen. Kinder und Jugendliche wollen vor allem dies: dazugehören, mitreden, ernst genommen werden. Das macht sie stark. Auch für den Fall der Ernüchterung, die wohl niemandem gänzlich erspart bleibt.

Sollten auch Sie trotz allem die Neigung verspüren, den Jungen eine altersgemässe Mitbestimmung zu verweigern, dann kann das nur eines bedeuten: Sie sind auf dem besten Weg, ein altbackenes Guetsli zu werden, dass in seinen kalten Kaffee versenkt gehört.