Nach der letzten Abstimmung wurde behauptet, die SP sei schuld am Erfolg der Fremdenhasser, weil sie den Gegenvorschlag nicht geschlossen unterstützt habe. Unterdessen hat die Auswertung des Abstimmungsverhaltens ergeben, dass diese Unterstellung falsch war. Der Gegenvorschlag hat das Anliegen erst salonfähig gemacht, und Steigbügelhalter für Rechtsaussen waren einmal mehr die Bürgerlichen – FDP, CVP, GLP und Konsorten. Was an ihrer politischen Haltung diesmal freisinnig, christlich oder liberal sein soll, bleibt ihr Geheimnis.
Als bekennende Linke wurde ich hingegen in einer geselligen Runde veritabel in die Mangel genommen, nachdem ich die xenophobe Implikation des Abstimmungsresultats bedauert hatte. Einige warfen mir vor, die Linke hätte die «Ausländerproblematik» verschlafen; das Schweizer Volk leide eben real darunter. Dazu kamen die üblichen Bezichtigungen gegen Immigranten, die kein Deutsch können, Kopftücher tragen und Sozialmissbrauch betreiben. Ich war zuwenig schlagfertig, um darauf ebenso plumpe Antworten zu geben. Mit Schwarzweissmalerei, Sündenbockdenken und plakativem Polarisieren lassen Menschen sich offensichtlich leichter überzeugen als mit differenzierten Argumenten. Sich selber eine Haltung abzuringen, die auch mal persönliche Nachteile bergen kann, ist halt schwierig. So hat denn auch mein Fazit zur Lage der Schweiz nichts mit Parteipolitik zu tun: Das Klima ist rau geworden, kleinlich und missgünstig, und ich fürchte, dass bald gegen alle möglichen Andersartigen ein eisiger Wind blasen wird – seien es Arme, Kranke, Querköpfe, Alte …
Wie zum Beleg begegnete mir später eine Zeitungsmeldung mit dem reisserischen Titel: «Auf dem Strich abkassiert – und Sozialhilfe bezogen». Es geht um ein Schweizer Ehepaar, das seit langem arbeitslos ist und zwei Kinder durchbringen muss. Nun kann man von Sozialhilfe schlecht und recht leben, aber auch nur dies. Nicht der kleinste Spielraum bleibt, etwa für Kino, Hallenbad, Geschenke, Ausflüge, eine überflüssige Hose, den Kaffee auswärts oder biologische Lebensmittel – Dinge an deren Notwendigkeit Sie (so stelle ich mir vor) und ich nicht mal einen Gedanken verschwenden, ehe wir sie uns leisten. Vor diesem Setting nun also das Vergehen: Mutter geht insgeheim Anschaffen auf dem Strich, Deliktsumme 33’400 Franken. Die gerechte Volksseele schreit auf. Ich rechne nach. Der Ertrag verteilt sich auf rund vier Jahre – das macht pro Monat ein schwarzes Einkommen von siebenhundert Franken. Was für Kapriolen machen wohl vier Leute mit diesem Betrag? Wofür geben Sie jeden Monat 175 Franken aus?
Ich nehme an, den ehrenwerten Damen und Herren aus dem Wählersegment, welches so gerne den Sozialmissbrauch an die grosse Glocke hängt, würde dieser Budgetposten gerade etwa für die gepflegte Autowäsche reichen, für das zwanzigste Paar Schuhe – oder für diskrete Aktivitäten im Rotlichtmilieu. Auch für eine mausbeinarme vierköpfige Familie bedeuten 700 Franken zusätzlich nicht den Aufstieg in eine höhere Schicht. Dass eine sich für diesen Betrag und für ein Stück Freiheit von staatlicher Totalkontrolle heimlich prostituieren geht, sollte uns tatsächlich Kopfweh bereiten. Vom Nachdenken, nicht vom Anprangern.