Mode und Tabu

In der Vorweihnachtszeit liest man so allerlei Konsumstimulierendes – es geht schliesslich um das Geschäft des Jahres. So nehme ich also zur Kenntnis, dass nun Krawatten einen Aufschwung erleben, und zwar offenbar eher schmale. Aber nicht allzu schmale, 5.5 cm sind da anscheinend die Schmerzgrenze, darunter wird’s peinlich im Büro. Ich weiss, das ist alles ganz langweilig und interessiert Sie wahrscheinlich ebenso wenig wie mich. Aber Obacht, hier lauert Gefahr! Der gesellschaftliche Fettnapf steht hinter der Schranktür. Falls Sie nämlich als noch nicht mit allen Wässerchen gewaschenes Modeopfer – angesichts plötzlich rundum mit Schlipsen und Schleifen erblühender Hälse – auf die Idee kämen, Krawatten seien tatsächlich ganz lustig und Sie hätten da ja noch eine Ihres lieben Grossvaters im Schrank, die zudem noch tauglich und hübsch aussähe: Kehren Sie ab vom Irrweg! Das ist nicht der rechte Glaube. Nichts weniger als ein Tabu ist es, für einen Modegag ein schon vorhandenes Accessoire zu rezyklieren, ganz egal wie breit oder schmal – sagt die Gratispresse, und die kennt sich da aus auf dem schmalen Pfad des rechtgläubigen Lebens.

Ein Tabu… Das ist ja zunächst nichts weiter als ein Denkverbot. Es gibt so gewisse Tatsachen des Lebens, die sich faktisch nicht wegleugnen lassen, an die man aber nicht stündlich denken soll und schon gar nicht drüber reden. Tabus sind mächtig und offensichtlich wichtig. Während etwa beschlipste Herren und modisch gewandete Damen in ihren Büros tatsächlich Geschlechtsteile besitzen und gewisse andere Körperöffnungen, oder den Chef bzw. die Kollegin für eine solche halten – so wird das alles schicklich in Textilien und auch in den Mantel des Schweigens gehüllt. Begreiflicherweise erleichtert dieses Tabu das Geschäftsleben. Oder es gibt die Anekdote eines Afrika-Reisenden, der nirgends eine Gepäckaufbewahrung fand und dem geraten wurde, seine Habseligkeiten einfach mit einem käuflichen Tabuzeichen zu versehen, dann würden sie auch ohne Schliessfach in Ruhe gelassen – und er fand tatsächlich seinen Haufen Gepäck nach einer zweiwöchigen Abwesenheit unberührt und unversehrt an derselben Strassenecke wieder.

Mit den modischen Tabus hingegen ist das so eine Sache. Mehrmals jährlich müssen neue Dinge zum Tabu erklärt werden, damit irgendetwas anderes, nicht mal wesentlich anderes, zum unverzichtbaren Zubehör wird. Diese Saison ist also die schmale Krawatte hip, die breite ist pfui-bäh und die von Opi ist Tabu. Gleichzeitig gibt’s dumpffarben karierte Sakkos mit Ellbogen-Blätzen zu kaufen, und ich meine, mich wörtlich erinnern zu können, dass genau solche vor wenigen Jahren einmal als «ui, schlimm» in einer Gratiszeitung am Pranger standen. Das gehört natürlich zum Spiel dazu. Dem immer wieder anders angesagten modischen Tabubruch ginge allzu schnell die Puste aus, wenn nicht stetig wechselnde Dinge disqualifiziert würden.

Nur ein Tabu bleibt dabei Tabu: Du sollst die Konsumreligion nicht hinterfragen! Wo käme die ganze Marktwirtschaft hin, wenn alle einfach die schon vorhandenen Dinge in ihren Schränken nach Gutdünken rezyklierten und sich frech den Anstrich teuer erkauften modischen Drauskomms gäben? Eben!