Als Kind und Jugendliche verbrachte ich meine Ferien oft in Italien, meist bei Verwandten und Bekannten. Das Leben in meiner zweiten Heimat unterschied sich auf eigentümliche Weise von jenem in der Schweiz, womit ich aber nicht das vielbemühte «Dolcefarniente» meine, das man in südeuropäischen Länder so gerne vorzufinden meint. Menschen, die ihren Tag verbummeln, habe ich kaum angetroffen. Vielleicht kommt das Vorurteil daher, dass es in Italien über Mittag so heiss werden kann, dass man die Arbeit unterbrechen und Siesta halten muss. Oder daher, dass vor allem in ländlichen Gebieten früher die alten Leute auf einem Stühlchen vor ihrem Haus in der Sonne sassen (statt im Altersheim Kaffeerahmdeckel in Alben zu kleben). Oder vielleicht kommt das sonntägliche Flanieren auf dem Corso den Schweizer Wandervögeln irgendwie müssig vor …
In der Siesta ruhte natürlich höchstens die eine Hälfte der Bevölkerung. Volksschule nämlich fand in Italien nur an verlängerten Vormittagen statt. Um ein Uhr war für alle Schluss. Die Mütter, die am Morgen ihrer Arbeit nachgegangen waren, kehrten heim, um zu kochen, mit ihren Familien zu essen, am Nachmittag die Kinder zu betreuen und den Haushalt zu erledigen. Wer sich je in privaten italienischen Haushalten bewegt hat, weiss, dass deren Sauberkeitsbedarf den schweizerischen eher noch übertrifft. Je staubiger die Strasse draussen vor der Tür, desto öfter (am Tag) wird der ganze Boden im Haus aufgewischt. Dass es in Italien «Nur-Hausfrauen» gegeben hätte, würde mich aber erstaunen – wenngleich ich keine Statistiken kenne. Jedenfalls sind mir arbeitende Italienerinnen überaus präsent: als Verkäuferinnen im Supermarkt, in Restaurants und Rosticcerien, als WC-Frauen usw. Und viele führten irgendein Geschäft in Heimarbeit. Meine Stieftante Ezia etwa besserte ihr Budget mit maschinengestrickten Pullovern auf (deren Kratzigkeit ich jeweils anhand gutgemeinter Weihnachtsgeschenke zu spüren bekam). Daneben vertrieb sie Kosmetika.
Die Siesta schien aber auch für Männer eher ein Relikt aus vergangenen Zeiten zu sein. So hatte der Kellner unserer angestammten Pizzeria am Meer («Birreria Klein Berlin») mehrere Jobs und fand dies ganz normal: Über Mittag und abends bis in die Nacht arbeitete er im Restaurant. Ausserhalb der Touristensaison und, wenn es sich ergab, während der Siesta ging er seinem eigentlichen Beruf als Klempner nach. Das reichte jedoch noch nicht, um die Familie durchzubringen, und so führte er am Wochenende noch eine eigene kleine Bar.
Daran muss ich immer denken, wenn wieder einmal das Klischee vom zügellosen Süden (heute: Spanien, Griechenland) herumgereicht wird. Zwar haben wir keinen mafiösen Staat und keine offensichtlich korrupte politische Klasse, aber es gibt es auch bei uns genügend staatlich abgesegnete Machenschaften, den kleinen Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen – und sei es nur via Bankenrettung. Die Folgen bleiben nicht aus. In den USA verbreitet sich bereits das «Moonlighting», eben das Ausüben mehrerer Jobs zur Sicherung der Existenz. Wenn es bei uns ankommt – und es wird die schwachen Schichten zuerst treffen – sollten Erklärungsansätze wie jene des schlechten Volkscharakters, aber auch des faulen Immigranten und der kapriziösen Hausfrau etc. in der Mottenkiste bleiben.