Mutter Courage

Was sind Männer doch für Helden! Oder Ritter (der Strasse), Beizenkönig, Medienzar, Radiopirat, Meister, Führer, Winner, Leader, Player, Boss. Über so viel Kühnheit und Siegeslust können wir Frauen nur staunen. Wir sind vielleicht mal eine (eiserne) Lady, häufig Miss (also Frölein), und meistens Mutter: Puffmutter, Schlummermutter, Landesmutter. Wir strotzen wohl irgendwie nicht so recht vor Tatendrang. Sind wir mal besonders mutig, so muss das schon deutlich hervorgehoben werden – dann heissen wir (O Hochgefühl!): Mutter Courage.

Diesen Titel verleihen die Journalisten gerne: Golda Meir war die Mutter Courage Indiens (Buchtitel). Emma Wüthrich ist die Mutter Courage der Magenbänder (saps-Magazin). Margrit Rainer war die helvetische Mutter Courage (Zürcher Unterländer). Laure Wyss war die Mutter Courage der Lohnschreiberinnen (Tages-Anzeiger). Condoleezza Rice’s Mutter war Mutter Courage gegen die Apartheid (Blick Online). Christine Egerszegi trug den «schmeichelhaften Übernamen» (laut Aargauer Zeitung); Lindaus Oberbürgermeisterin ist die Mutter Courage vom See (St. Galler Tagblatt); Emilie Lieberherr war Zürichs Mutter Courage (Tagblatt). Van der Leyen ist gar siebenfache (!) Mutter Courage Deutschlands (St. Galler Tagblatt).

Auf solches Lob sind wir gewöhnlichen Mütter und Nichtmütter natürlich neidisch. Courage hätten wir nämlich auch gern! Wir bewundern die mutige Kriegsgewinnlerin, nach der Brechts Stück benannt ist – ihren Schneid, wenn sie sagt: «Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen. Der Krieg ist nichts als Geschäft, und statt mit Käse ists mit Blei.» Auch in Diätetik kennt sie sich aus: «Kanonen auf die leeren Mägen, Ihr Hauptleut, das ist nicht gesund. Doch sind sie (die Soldaten) satt, habt meinen Segen und führt sie in den Höllenschlund.» Und mütterlich sorgt sie sich um ihr stummes Kind: «Die Tochter ist nix. Wenigstens redt sie nicht, das ist schon etwas.» Wie sie würden wir auch gern kein unmoralisches Angebot ausschlagen, so lange der Preis stimmt. Und selbstverständlich würden auch wir eher die Verletzten verbluten lassen, als unser schönes Leinen zu opfern. Wir sind ja nicht blöd!

Den Namen aber, und das verkennen die Journalisten ebenso, wie es Brecht unterschlägt, hat die gute Mutter gar nicht von ihrem Heldenmut. Grimmelshausen hat die Figur der unzimperlichen Landstreicherin im Dreissigjährigen Krieg erfunden. Bei ihm ringt sie als Mann verkleidet mit einem Soldaten, der sie als Kampfkniff am Geschlecht packen will, aber ins Leere greift. Etwas künstlich verschämt berichtet sie ihrem Zukünftigen, dass ihr einer «nach der Courage gegriffen hat» – und hat prompt ihren Übernamen weg, über den sie sich Zeit ihres Lebens ärgern wird. Es läuft also eher auf so etwas wie «Mutter Möse» hinaus. Nun gut, auch nicht ganz falsch für alle Mütter und Nichtmütter. Schliesslich haben sich Egerszegi, Rice und Co. nicht über die Lorbeeren beschwert.

Drum soll sich trotz allem keine schämen oder grämen, die Mutter Courage genannt wird. Und schon gar nicht protestieren oder bescheiden abwinken. Am Ehesten vielleicht: Kokett die Augen niederschlagen und einwenden: «Aber, Herr Journalist, wo denken Sie hin!».