Diese Woche war ein einziger Kopfschmerz. Im November hatte ich an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. Obwohl er im «Blick am Abend» ausgeschrieben war, wurde ich nicht misstrauisch, denn ich glaube nun mal gerne, was man mir schwarz auf weiss unter die Nase reibt; das gibt mir das Gefühl, Mitglied einer achtbaren Gesellschaft zu sein. Es wurde versprochen, dass eine namentlich genannte Jury ein stattliches Preisgeld für die drei besten Kurzgeschichten verleihen will. Gefordert war nichts weiter als ein Text zum Thema Sehnsucht, ein Mindestalter, eine Foto und die Erlaubnis zur Publikation. «Wohlan», dachte ich bei mir, «das kann ich bieten!»
Wie erhofft, kam mein Text in die Vorauswahl von 82 aus über 3400. Und dort wird er wohl auch bleiben. Nicht weil er zu den schlechteren gehört, darum geht’s ja gar nicht. Plötzlich werden neue Bedingungen gestellt, die ich nicht erfüllen kann, selbst wenn ich denn wollte. Wer weiterkommen will, muss sich nämlich zuerst von der Leserschaft in einem SMS-Voting «bewerten» lassen. Ich rechne nach: Um die Texte im Internet beurteilen zu können, müsste man zuvor alle lesen – das entspricht einem 180-seitigen Buch. Ist natürlich Quatsch, niemand tut das. Sondern es werden jene in die Kränze kommen, die am meisten FreundInnen mobilisieren können. Damit aber des Getöses noch nicht genug: Auch regionale Kampflesungen und ein Finale furioso sind angesagt. Frau Müller gegen bambiäugige Zoë-Jenny-Wannabees und pseudorevoluzzernde Jungspünde? Wohl eher weniger. Ich hatte doch an einem Literatur- und nicht an einem Geile-Siech-Wettbewerb teilgenommen!
Ich trat mit den Veranstaltern in Verbindung. Der Thalia-Verlag findet nichts dabei, dass der Wettbewerbsverlauf zu Beginn nicht offengelegt wurde. Betupft weist er die Idee von sich, das Voting müsse wohl zuerst noch das Preisgeld von 30’000 Franken generieren. Mit der SMS-Gebühr von 90 Rappen solle bloss verhindert werden, dass jemand pausenlos für sich selber stimme. Wer aber will, kann das trotzdem tun – die Teilnahme pro Handy-Nummer ist unbegrenzt, das Weiterkommen somit käuflich. Eitel wird dazu vermeldet, Selbst-Vermarktung gehöre nun mal zur heutigen Medienwelt. Aha – Etikettenschwindel offenbar auch. Und Beeinflussung des Resultats ebenso: Man kann ja nicht im Ernst auf der Bewertungsseite immer die gleichen drei Texte mit Direktlink versehen, während zu allen andern nur mühsames Blättern in einer ungeordneten Liste führt …
Mir bleibt ein Rätsel, was der Blick-am-Abend-Textchef Peter Exinger, der Thalia-Buchhändler Peter Erni und Jürg Halter alias Kutti-MC damit bezwecken wollen. Fürchteten sie selber um das Niveau ihres Wettbewerbs, wenn sie den Community-Klimbim von Anfang an deklariert hätten? Nur eines ist klar: Dieses Preisausschreiben ist ein reines Marketingvehikel der Veranstalter für sich selber – und unterliegt daher den Lauterkeitsbestimmungen, die es so in mehrfacher Weise verletzt. Während meine bessere Hälfte seinen Beitrag empört zurückgezogen hat (mehr dazu unter: schreibstar.blogspot.com), bleibe ich einstweilen im Rennen. Und hoffe, auf die Verantwortlichen so viel Druck ausüben zu können, dass sie aufs ursprünglich angekündigte Prozedere zurückbuchstabieren müssen. Bin ich naiv? Bitte zwei Aspirin!