Muss eine Feministin ewig nölen? Laure Wyss schrieb bereits 1978 über Emanzipation: «Es ist aber eine Männerwelt, in der wir uns bewegen, von Männern bestimmt, … nach ihrem Gesetz, ihrem Dafürhalten, ihrem Wohlwollen … eingerichtet. … Wer den Feminismus nicht als Hauptberuf wählte, … wer sich … anpasste, … sieht nach einiger Zeit, dass er [!] sich in einer Welt befindet, in der ein Frauenleben sich nicht verwirklichen lässt. Vorläufig muss Störung sein.» Aufschlussreich auch ihre Meinung zum Dasein als Alleinerziehende, in dem sie 1980 eine Form des politischen Widerstandes gegen die Dominanz der Männer in der Ehe sah. Uneheliche Kinder würden «Kinder von Müttern sein, die sich der Welt entgegenwerfen, sanft und stolz, die ihre einzige Chance darin sehen, ihre Kinder zum grossen Ungehorsam zu erziehen. Mütter, die selbst diesen Ungehorsam übten, indem sie auf den Schutz eines zivilrechtlich angetrauten Ehemannes verzichten und stattdessen ihren eigenen Weg gehen. So gesehen sind wir auf dem Weg zum Matriarchat». Die alarmierte Männerwelt liess sich dann noch ein neues Eherecht gefallen, heute bestimmt der Backlash die mediale Diskussion. So definiert ein Herr Hollstein, Soziologe und Männerforscher, im Tagi vom 10. März alle Gründe weg, warum eine Frau tatsächlich ihren Mann verlassen sollte: Patriarchale Dominanz (eine Erfindung), körperliche Gewalt (kommt gleichermassen von Frauen), Absentismus (nicht der Männer Schuld), finanzielle Abhängigkeit (totschweigen) – bis nur noch das Konstrukt stehen bleibt, dass Mütter Männer als Zahlväter melken und ihnen die Kinder wegnehmen – gähn. Es sei an die Statistik erinnert, wonach Väter sogar unter der Flagge der gemeinsamen elterlichen Sorge es vorziehen, ausser Haus zu arbeiten, während die geschiedene Frau daheim zu den Kindern schauen soll. Ein wahrlich revolutionäres Substrat für Hollsteins eifrig propagierte «Renaissance der Väter».
Mann kann also 2014 bereits von «Frauendominanz» und einem «profeministischen Mainstream in Politik, Wissenschaft und Medien» schwadronieren, die bei jungen Männern «ein deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft» auslöse. Dabei braucht keinen zu kümmern, dass eine Frauendominanz mit Fakten nicht zu belegen ist. Ich habe im National- und Ständerat als einer Art Spiegel der schweizerischen Politik einmal nachgezählt. Nationalrat: 133 klar Bürgerliche gegen 58 klar Linke. Ständerat: 32 Bürgerliche gegen 13 Linke. Schwer, sich hier den profeministischen Mainstream auszumalen. Aber vielleicht unterwandern die Emanzen ja die Kommissionen? In sieben Kommissionen sind von insgesamt 265 Mitgliedern ganze 35 linke Frauen. Es wären fürwahr Überfeministinnen, wenn es ihnen gelänge, aus dieser 13-prozentigen Unterzahl heraus die Politik zu dominieren. Das ist natürlich Blödsinn, beweist aber Hollsteins These, dass man zur Abhilfe gegen «Gewalt, Vandalismus und Ausschreitungen», aber auch «homophobe Neigungen und Pädophilie» oder gar Depressionen und Suizid der vaterlosen Söhne einfach nur mit den vielen Frauen überall abfahren muss. Man muss hingegen nicht: die Männer an den Herd führen, Knaben für soziale Berufe begeistern, am männlichen Selbstbild vom ur-dominanten Geschlecht auch nur ein Schräublein drehen.
Hollsteins Angst, dass Männer überflüssig werden, ist unter diesen Vorzeichen leider berechtigt. Mascha Madörin berichtete 2009, dass damals in den USA erstmals mehr Frauen als Männer erwerbstätig waren. Dies entspricht den Gegebenheiten im reifen Kapitalismus, wo die Güterproduktion immer weniger Arbeitskraft benötigt, weshalb der Anteil personenbezogener Dienste (also der «Frauenberufe») an der Volkswirtschaft immer grösser wird. Tatsächlich wäre es da eine Option, dass mehr Männer Vaterschaft praktizierten. Sie müssten sie aber einer männlich dominierten Politik abtrotzen, und nicht den Frauen.