Ach, die Liebe! Das ist doch jene naturgewaltige Kraft, die Menschen umfassend ergreifen kann, die ihnen übermenschliche Kräfte verleiht, die Ausharren und Aufopferung wie ein Kinderspiel erscheinen lässt, die ihrem Streben und ihrer Mühsal einen Sinn und eine Richtung gibt und zugleich deren Lohn ist. Ja, …
Und dann kamen die Werbefritzen. Die haben mal rausgefunden, dass man mit so starken Emotionen wunderbar punkten kann – weil, Gefühle: Die gehn direkt rein ins Unbewusste und bleiben da. Zwar bleiben schlechte Gefühle länger, aber damit lässt sich nicht so gut Kasse machen. Denn es heisst ja schliesslich Kauflust, Spendierfreude u.ä. und nicht etwa Nichtkaufunlust oder Geldbesitzfrust. Also: Positive Emotionen schüren. Angefangen hat das ganz plausibel, z.B. Figugegl – das leuchtet mir heute noch ein: «Fondue isch guet» (welche Freundin geschmolzener Käseüberschüsse möchte das bestreiten) «und git e gueti Luune!» (warum auch nicht, wo man so gesellig im gleichen Topf rührt und sich lustige Strafen für die Brotversenkung ausdenkt). Und es klingt erst noch fidel, so ein bisschen nach «gigele». Mit der Zeit wurden Gefühle immer raffinierter eingesetzt. Heute zeigt etwa eine Telefongesellschaft sympathische, nicht ganz gewöhnliche Menschen, die durch zwei separate Bildrahmen hindurch einander berühren, sich necken, eine Frucht zuwerfen; dazu erklingt eine bescheidene Untermalung mit Ukulele und nur dem Liedanfang: «Somewhere over the rainbow» … Ein perfektes Spiel mit der Emotion der Verbundenheit, das sogar mir als Werbeskeptikerin und Telefonvermeiderin eine wohlige Hühnerhaut beschert.
Und weil das so gut funktioniert mit diesen ganz grossen Gefühlen, kann eine staatstragende Partei nicht darauf verzichten, wenn sie bei der heutigen Wählerschaft landen will. Zwar ist Politik ja oft ein etwas emotionsloses, um nicht zu sagen knochentrockenes Geschäft. Ob man diese sperrige Angelegenheit in die fliessende Hülle eines Gefühls kleiden kann? Nicht verzagen, FDP fragen. Deren Geheimtipp: Einfach feste draufhauen, dann klappts schon! Und schön knüppeldick auftragen, z. B. einfach mal auf jedes Plakat «Liebe» schreiben. Hey, das ist die Emotion schlechthin: Ohlalalamur, etc. etc.! Zum Beispiel: «Bilaterale ja – EU-Beitritt Nein. Aus Liebe zur Schweiz.» Das muss den Leuten doch wie Honig runtergehen. Oder: «Einwanderung geschickt steuern. Aus Liebe zur Schweiz.» Intrigen und Gefühle – eine klassisch-schicksalshafte Verstrickung, der sich niemand entziehen kann! Mein Favorit ist jedoch: «Mehr Leistung in der Schule. Aus Liebe zur Schweiz.» Das weckt nostalgische Erinnerungen an die gute alte Zeit, als noch galt: Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie beizeiten. Und wenn sich da der Kandidat XY in entbrannter Liebe zu seinem Heimatland outet – welche Wählerin könnte sich dem Sog dieser Emotion noch entziehen?
Selbst bei mir, so erstaunlich es klingen mag, führt diese Werbung automatisch zum Ziel, wenn auch vielleicht nicht zum angepeilten. Denn: Wenn mich solche Slogans dermassen anwidern, dass ich wie unter Zwang ganz andere KandidatInnen wählen muss, dann kommt bei mir – schwuppdiwupp! – der reinste Nichtwählunfrust auf!