In einem meiner zahlreichen Vorleben unterrichtete ich einst an einer Schule für zukünftige Sportlercracks. Die Schule gibts nicht mehr, bzw. sie hat fusioniert, die Schüler sind keine Kinder mehr, und ich bin keine Sprachlehrerin mehr. Aber wir können einander in der Zeitung sehen. Denn einige der Knaben sind unterdessen tatsächlich Profisportler geworden: Jungtalente bei FCZ, GC, Flyers, Lakers … Das sei ihnen zu gönnen. Bei mir hingegen hat diese berufliche Episode ganz grundsätzlich Fragen aufgeworfen zur Integrität im Profisport – und auch allgemein: in Lebensbereichen, in denen die «Winner-takes-it-All»-Mentalität herrscht.
Ein beliebtes Pausenspiel, mit dem sich die Jungens vom Stillsitzen abreagierten, war etwa: Ein Ball muss zwischen den Beinen irgendeines Mitspielers durchgekickt werden. Harmlos. Jedoch gab es eine Strafe für den, der den Ball hindurchliess: Einer drückte ihn zu Boden, und alle durften ihn so lange treten, bis er sich selber wieder befreit hatte. «Findest du das gut? Ich kann da gar nicht zusehen», sagte ich zu einer Arbeitskollegin. «Man muss hinsehen, das ist wichtig!», beschied sie mir. Das Kollegium befand dann: Wenn alle Schüler mit den Regeln einverstanden seien, dann sei es ihre Sache und man müsse nicht eingreifen. Natürlich waren alle Kids mit ihren Brutalo-Spielregeln einverstanden; niemand wollte eine Memme sein. Die einzige Memme war sowieso ich. Mich störte zum Beispiel auch der Ratschlag, den Knaben erhielten, wenn man sie beim Mogeln oder Foulen erwischte: «Wenn du schon bescheisst, dann mach es wenigstens so, dass wir es nicht merken.» Das ist sicher das beste Rezept fürs Bescheissen schlechthin – aber ist eine derart offensichtliche Doppelmoral auch ein taugliches Lebenskonzept?
Jedenfalls kann man es in der Schweiz weit bringen damit. Moral gilt als unsexy. Aufrichtigkeit ist für Bünzlis. Wer sich persönliche Vorteile verschafft, ist ein geiler Siech. Nur Langweiler halten sich an alle Regeln. Wer schlau ist, bedient sich; wer’s nicht tut, ist selber Schuld… Seltsam nur, wie empört die öffentliche Meinung sich jedesmal kundtut, wenn einer anscheinend unlauter geschäftet hat. Wie zum Beispiel in der Affäre Hildebrand. War es denn nicht genau so gemeint mit der «grossen Verantwortung», die ein Topshot geniesst? Dass er innerhalb vage formulierter Hausregeln sich selbst die Grenzen setzt, während alle wegschauen? Kein Widerspruch besteht in der öffentlichen Meinung darin, auf diesen einen hier mit dem Finger zu zeigen und gleichzeitig über die Amis zu klagen (Ausgerechnet die bigotten Amis!), die unser Bankgeheimnis demontieren. War es denn nicht genau so gemeint mit der «Eigenverantwortung» der Banken und Finanzmärkte? Dass die Graubereiche extra breit gehalten sind, damit auch keiner merkt, wo es ins Kriminelle übergeht? Und nun der grosse Katzenjammer. Aber keine Bange, liebe Banken. So sehr sind im Volk alle damit beschäftigt, immer auf jenen einzutreten, der gerade «moralisch versagt» hat, da merken wir gar nicht, wenn ihr euch per Bankenrettung aus der Affäre schleicht und uns, einmal mehr uns, im grossen Stil das Geld aus der Tasche zieht.