Vor bald zwanzig Jahren hatte ich einen Horrortrip. Mit einem Schlag verlor ich alle Illusionen über die Gefälligkeit des Lebens und die relative Abwesenheit des Todes darin. Glasklar und erschreckend sah ich mich vom Tod umzingelt. Mit Wahn und Rausch hatte dieser Zustand jedoch nichts zu tun. Denn nichts könnte realer und wahrhaftiger sein als die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod. Wir müssen im Gegenteil die nackte Tatsache der Sterblichkeit mit unrealistisch positiven Illusionen übertünchen, müssen unbedingt glauben, dass Morgen stattfinden wird, um ein normales Leben als Arbeitskraft, Geschäftspartner, Mutter usw. führen zu können. Solche vernebelnden Illusionen musste ich erst mühsam wieder zurückgewinnen.
Das soll hier kein persönliches Bekenntnis werden, keine Beichte und keine Drogenwarnung. Mein Erlebnis wäre Privatsache, wenn ich nicht im gleichen Zeitraum zu Erkenntnissen gekommen wäre, die mich politisch radikalisiert haben. Ich hatte sozusagen einen brutalen Durchblick, eine schreckliche Klarsicht. Jedenfalls beschloss ich, auf Fernreisen zu verzichten. Nachdem ich lange all die Zugvögel beneidet hatte, war mir schlagartig klar, dass so ein Lebensstil keine Zukunft hat. Die Idee habe ich kaum selber geboren, wenngleich das Thema «global footprint» damals noch kein Schlagwort war. Aber für mich wurde sie plötzlich zwingend. Zweitens hatte ich auf einmal die Gewissheit, dass Geld eigentlich immer stinkt. Von Wirtschaft verstehe ich trotz insgesamt 20-jähriger Beschulung auch heute viel zu wenig; auch ich brauche natürlich Geld, wenn ich nicht 7 Kilo Zucker gegen eine Kloschüssel tauschen will, während ich eigentlich ein Paar Schuhe haben muss. Aber der Kapitalismus kommt mir nicht erst seit den jüngsten Systemkrisen des Finanzwesens vor wie die märchenhafte Goldhose: Reichtum, der sich angeblich (qua Zins oder Börsenwert) von selbst vergrössert? Während ganz offensichtlich am anderen Ende der Welt Völker für die Bereitstellung der Rohstoffe kolonisiert, enteignet, geplündert und ausgehungert werden? Wie lange kann das gut gehen?
Es geht zur Zeit nicht sehr gut. Kommt eine Zeitenwende? Bricht sie über uns herein oder können wir sie mitgestalten? Der Umkehrschluss aus meiner schrecklichen Klarsichtigkeit damals war, dass die Wahrheit eben schmerzt. Wir werden verzichten müssen, weil wir als Nutzniesser des Kapitalismus auf Kosten der Ärmsten in anderen Weltgegenden in einem Wohlstand leben, der uns nicht zusteht. Gleichzeitig erleben wir, dass wir selber der Diktatur des Finanzmarktes unser Erspartes, unsere Löhne, Lebenszeit und Renten in den Rachen werfen müssen.
Es gilt, einen Weg zu finden, damit das kein Horrortrip wird. Für ein gutes Leben hier zu kämpfen, im Bewusstsein, dass wir immer noch unendlich viel mehr haben, als die Vertriebenen, Unterdrückten, Verhungernden anderswo. Wir müssen den Gegner am richtigen Ort suchen. Es sind nicht die Sozialbezüger. Es sind nicht die Kosovaren und nicht die Flüchtlinge. Das wollen die mit dem dicken Portmonee uns nur weismachen, ganz nach dem Motto: Divide et impera. Säe Zwietracht (unter den Geprellten) und herrsche (über deren Geld). Hier muss ich entscheiden: Wo kann ich noch geben oder verzichten – und wo lass ich mir zu Recht nicht die Butter vom Brot klauen? Brutaler Durchblick ist gefragt.