Gerne denke ich an die Anfänge meiner journalistischen Laufbahn zurück. Für einmal habe ich alles richtig gemacht! Der Rest war Schicksal.
Schon während meines Zweitstudiums der Publizistik suchte ich mir eine Stelle, um auch praktisch ins Metier einzutauchen. Bald fand ich Arbeit als Redaktionsassistentin bei einem kurligen Mannli – nennen wir ihn Herrn Mann -, der dafür bekannt war, reihenweise glänzenden Journalisten die Grundzüge des Fachs mit auf den Weg gegeben zu haben. Um diesen begehrten Job tobte ein erbitterter Kampf. Ich musste vor allem das Geburtsgebrechen eines weiblichen Geschlechts mit anderen Fähigkeiten heraushauen. Glücklicherweise hatte ich vorgesorgt und schon an der Matura in Deutsch eine Sechs geschrieben. Diese beeindruckte Herrn Mann zutiefst, und er drückte deshalb wegen meiner übrigen Mängel, insbesondere meinem Zivilstand als Ehefrau, beide Augen zu. Man kann ihm seine Abneigung gegen die Ehe nicht verübeln. Tatsächlich kriegen die Frauen bald einmal Kinder und ziehen sich auf Geheiss des Gatten aus dem Beruf zurück, worauf der Chef wieder neue Kräfte suchen und einarbeiten muss – ein reines Verlustgeschäft.
Nachdem ich mich im Kreuzverhör über meine familiären Absichten wacker geschlagen hatte, folgte ein zähes Ringen ums Salär. «Geld oder Arbeit?», lautete der Kernkonflikt. Taktisch gewieft entschied ich mich für die Arbeit und verwies die angemessene Bezahlung auf den zweiten Rang. So stach ich die Konkurrenz aus. Für die Probezeit sollte ich einen Lohn unter jeder Sau erhalten und danach in die Lohnklasse «miserabel bezahlter Studijob» aufsteigen. Fair, wenn man bedenkt, wieviel Knowhow mir Herr Mann dafür weitergab.
Die Themen dieser Redaktion bewegten die Massen. Dutzende Zeitungen bezogen ihre Informationen von Herrn Mann, dessen ingeniöses Verdienst es war, ausufernde Konvolute von Fernsehprogrammen in übersichtliche Spalten abzufüllen, mit Bildern zu versehen und zu redaktionellen Beiträgen zu verwursten. Letztere anspruchsvolle Aufgabe war natürlich dem Redaktionsleiter vorbehalten. Auch so gab es für mich als Greenhorn noch genug zu lernen. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und musste schon nach wenigen Wochen ein Telefon-Interview führen, um einer Talk-Teilnehmerin einen O-Ton zu entlocken. Herr Mann schärfte meine Sinne für die wirklich wichtigen Dinge: Nur Couverts von TV-Stationen waren zu öffnen, alles andere wanderte in ein Hinterzimmer, um auf stetig anwachsenden Stapeln einige Monate zu ruhen. Noch heute bin ich dankbar dafür, dass Herr Mann sofort eine Redaktionssitzung einberief, wenn wieder einmal die Gläser zertrümmert in der Spülmaschine lagen. Auch die ethischen Grenzen des medialen Zugriffs lehrte uns Herr Mann ganz praktisch, indem er uns verbot, die trächtigen Hasen, welche auf dem Balkon der Redaktionsstube lebten, zu stören. In der heikelsten Phase klebten am Hasenstall Post-its mit der Anweisung: «Bitte nicht». Ein unübertroffenes Beispiel an journalistischer Knappheit.
Aber einmal ging auch diese schöne Zeit zu Ende und ich musste Herrn Mann mit der Einforderung unserer Lohnvereinbarungen enttäuschen. Ich danke ihm aber im Nachhinein dafür, dass er hart geblieben ist. Sie und ich – wir hätten uns sonst nie kennen gelernt!