Immer mehr Menschen machen sich Gedanken über ökologische und gerechte Ernährung. Wir kaufen saisonale Früchte und pestizidfreies Gemüse, vermeiden Leckerbissen vom andern Ende der Welt und boykottieren Anbau-Gebiete, in denen faktisch Sklavenhaltung praktiziert wird. Dies schädigt das Geschäft von Agromultis und Grossverteilern offenbar so sehr, dass sie Gegensteuer geben müssen. Wirtschaftsfreundliche Blätter dienen als Sprachrohre und verbreiten alles, was den Rubel rollen lässt – von der Halbwahrheit über die grobe Geschichtsklitterung bis zum baren Unfug.
Die NZZ am Sonntag druckte am 26. Februar einen klassischen Aufreger. Im Interview verunglimpft Nina Fedoroff, Präsidentin der amerikanischen Wissensgesellschaft, den biologischen Landbau. Er schone die Umwelt nicht, nur reiche Länder könnten ihn sich auf Kosten armer Länder leisten, und biologische Produkte seien identisch mit konventionellen. Bio sei nichts als ein Mythos. O-Ton: «Die Biolandwirtschaft ist weniger effizient. … Wenn Sie einen Sack Dünger kaufen, müssen Sie kein Land freihalten, auf dem Sie Futter für Tiere produzieren, deren Dung Sie anschliessend auf den Feldern ausbringen.» Also das lange widerlegte Argument, dass die Erde nur dann genug Nahrung für alle liefere, wenn ihr Output maximiert werde. Im weiteren wird dann noch das Loblied auf die Gentechnologie gesungen und den Patenten auf Lebewesen das Wort geredet. Das Patent sei «eine Vereinbarung zwischen dem Erfinder und der Gesellschaft. Der Erfinder stellt sein Wissen zur Verfügung … und er erhält dafür das zeitlich beschränkte exklusive Nutzungsrecht.» Oder aber er betrügt andere um ihr angestammtes Wissen und ihre Lebensgrundlage, indem er eine Pflanze geringfügig genetisch verändert und dann das Ganze als seine Erfindung patentieren lässt, damit niemand anderes mehr sie gratis nutzen darf. So wurde es etwa mit Basmati-Reis versucht (weitere haarsträubende Beispiele siehe auf Wikipedia unter Biopiraterie).
Der sträflich unterlassene Zusammenhang ist jedoch jener von globalisiertem Weltmarkt, Bodenpolitik und angeblicher landwirtschaftlicher Effizienz. Das heutige Ernährungsproblem ist nicht, dass der Boden zuwenig hergibt, sondern: Dass in Dürregegenden wie Afrika Wasser und Land vergeudet wird, um exotische Früchte für den Export anzubauen; wobei die Einheimischen weder einen existenzsichernden Lohn noch den Zugang zu Land und Wasser erhalten, um sich selber zu ernähren – die Toten gehen in die Millionen. Dass fruchtbare Gebiete, die bislang indigene Stämme ernährten, wie etwa auf Borneo, von Konzernen ohne rechtliche Grundlage abgeholzt werden – für unsere schönen Gartenmöbel oder für eine Monokultur von Palmöl, das in unserem Guetzli die Butter ersetzt, oder für Agrotreibstoff. Oder dass an den Börsen die Preise für Lebensmittel, wie etwa Kaffee, willkürlich derart gesenkt werden, dass niemand mehr vom Anbau leben kann. Effizienz im Quadrat – aber nicht gegen den Hunger auf der Welt! Welcher Zynismus, wenn Frau Fedoroff folgert: «Menschen aus Ländern mit ungenügender Lebensmittelversorgung landen an unseren Küsten. Wir haben immer mehr Umweltflüchtlinge.»
Beispiel zwei zum selber Erarbeiten: Die Coop-Zeitung schreibt, im März sei die Öko-Bilanz von spanischen Erdbeeren nicht schlechter als jene von Schweizer Lageräpfeln, da Transport und Lagerung gleichviel Energie brauchten. Warum ziehen wir im März trotzdem schweizerische (Bio-)Äpfel vor? Danke fürs Mitdenken und en Guete!