Zurzeit macht wieder einmal ein völlig nebensächliches Thema die Runde in allen Gratisblättern. Nämlich Moritz Leuenbergers neuer Ring. Das wäre an sich nicht so schlimm. Gerade eine Pendlerzeitung darf ja gerne fragen wie ein Kind: «Du, Papi, was hat der Mann da für einen Ring an?». Etwas zwischen Ratlosigkeit und Beelendung löst bei mir jedoch die bünzlig-hämische Geisteshaltung aus, die aus den Kommentaren spricht. Der Ring betone des Bundesrats Eitelkeit oder seine weibliche Seite, oder er stehe für seine Standhaftigkeit in politischen Fragen – mutmassen die Holzhacker-PsychologInnen auf den Redaktionen; der Ring sei weibisch, sehe aus wie vom Flohmarkt, habe gerade mal 20 Franken Wert – urteilt die selbsternannte Stilpolizei.
Mit Verlaub! Man blättere dort doch einmal ein paar Seiten weiter und führe sich die Stilsicherheit zu Gemüte, mit der etwa in der Rubrik «Streetstyle» Gewöhnliches, Langweiliges, blindlings bei H&M oder Hugo Boss aus den Gestellen Gegriffenes, an den Haaren Herbeigezogenes und Schaut-mich-an-wie-bin-ich-Originelles zum Hype erklärt wird. Wer keiner Stil- oder Benimmsekte angehört, kann auch nicht erkennen, worin der Unterschied zwischen «hot» und «not» besteht, und muss vermuten, dass die Tops und Flops unter der Rubrik «Stylewatch» nach dem Zufallsprinzip verteilt werden. Geradezu niedere Motive offenbart die Doppelseite «Hotshot», die wohl beweisen soll, dass jede Frau – sofern sie mit zuviel Schwarz um die Augen verkrampft in einem dümmlichen Négligé posiert – peinlich und sexuell bedürftig aussehen kann.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Weder will ich mich zum Stilguru aufschwingen, noch behaupten, das Aussehen sei (mir) doch völlig egal – ganz und gar nicht. Aber: Sind wir nicht mündige Erwachsene? Können wir nicht selber bestimmen, wann und wo wir welche Äusserlichkeiten wichtig finden? Und: Wie eng muss ein Wertehorizont sein, in dem schon ein roter Karneol in einem Goldring an Männerhand zum Stein des Anstosses wird? Vielleicht hatte der Bundesrat einfach mal Lust auf Farbe, oder er wollte sich bewusst über Geschlechterstereotypen hinwegsetzen. Möglicherweise ist jemand gestorben und der Ring ein Erinnerungsstück, oder er soll einer/einem Liebsten beweisen, dass sie/er wichtiger ist als die Etikette.
Nun, eigentlich ist das hysterische Aufgackern und -gockeln in den Boulevardredaktionen ja amüsant zu beobachten. Ärgerlich ist hingegen die Allgegenwart der Stiltyrannei mit ihrer absoluten politischen Untiefe. Jede Zeitung – vom Lehrerblatt bis zur NZZ am Sonntag – will mir einreden, ich müsse mit viel zeitlichem und finanziellem Aufwand evident machen, dass ich a) das gängige Stildiktat begriffen habe, b) wisse, welchem Geschlecht ich angehöre, c) nicht auf einem Baum wohne und d) glaube, wenn man sich äusserlich nach den Schönen und Reichen richte, gehöre man schon fast dazu.
Das alles verleitet mich gerade zu einer Trotzreaktion. Ich werde heute unrasiert in die gleichen Kleider steigen wie gestern. Die Haare trage ich in altmodischer Länge und weder geliert noch frisiert. Grad zleid betont die Hose meine Fettpolster. Den Gürtel hab ich selbst gemacht: Sidewullebascht. Meine Winterjacke ist seit 10 Jahren dieselbe. Dazu passt der Schuh mit Loch oder wahlweise jener mit Salzrand. Ätsch!