Was bringt diesen Sommer das Gemüt in Wallung? Für viele ist das der Fussball. Für wenige sind es junge Frauen in Shorts und knappen Oberteilen, die die Frechheit besitzen, so gekleidet ein Schiff besteigen zu wollen. Für andere, darunter Eltern, Lehrer und Politikerinnen, sind es die zahlreichen noch nicht besetzten Stellen in den Schulen.
Von einer verfehlten Personalpolitik im Bildungswesen darf man ja nicht reden, sonst sägt man der «eigenen» Bildungsdirektorin am Stuhlbein. Dabei ist doch eindeutig etwas faul im Staate Zürich. Wir haben schon gehört, dass die direkt betroffenen LehrerInnen den Reformwahn nicht schätzen. Sie hätten nämlich selber Ideen für sinnvolle Veränderungen – aber nicht die Macht, sie durchzuwürgen. Welcher Pädagoge könnte z.B. ernsthaft gegen Integration sein? Aber wenn schon Integration um jeden Preis, dann bitte ohne den wirtschaftsgesteuerten Selektionszwang. Und woher nun plötzlich all die nötigen HeilpädagogInnen nehmen? Es gibt fast keine, und die Ausbildung dauert vier Jahre! Wer würde sich nicht verarscht vorkommen, von seiner Über-Arbeitgeberin in so einen Schlamassel geritten zu werden?
Dass nun Lehrpersonen zuhauf fehlen, weil sie den Dienst quittieren, in andere Kantone abwandern oder gar nicht erst den Beruf ergreifen, steht natürlich in keinem Zusammenhang dazu. Wahrscheinlich zieht diese Profession einfach magisch Meckerer, Besserwisser und Weicheier an, nicht wahr. Dem wird jetzt wieder mal, von Chefebene her dekretiert, mit Quereinsteigern abgeholfen. Denn sicher schlummern in vielen anderen Berufssparten die besseren PädagogInnen, als sie die pädagogische Hochschule je hervorzubringen vermöchte. Diese Talente müssen nun subito mobilisiert werden. Von der PHZH erhalte ich die Nachricht: «Wie Sie den Medien entnehmen konnten, werden wir in nächster Zeit im Auftrag der Bildungsdirektion Ausbildungsprogramme für Quereinsteigende (…) konzipieren, die weniger ECTS-Punkte umfassen und zu keinem EDK-anerkannten Lehrdiplom führen.» Mit weniger Ausbildung und ohne anerkanntes Diplom kann man in der heutigen Schule offenbar besser bestehen, als wenn man die reguläre Ausbildung durchläuft. Oder wie ist das genau gemeint – in ein paar Jahren werden sowieso wieder die Budgets und die Stellen zusammengestrichen, dann können die Quereinsteiger wieder gehen? Oder sie holen das EDK-anerkannte Diplom später nach und segeln mit Familie, Arbeit und Weiterbildung einfach ein paar Jahre später ins Burnout?
Als Lehrerin empfinde ich das auch als Affront. Ich muss für jeden Pipifax ein bis zwei Jahre berufsbegleitend an der PH studieren (Abschluss eines früher studierten Fachs, Englisch-Update wegen geändertem Lehrplan, nicht näher begründete Ungültigkeit eines Abschlusses usw.), und andere kriegen in der gleichen Zeit eine Lehrbefähigung nachgeschmissen? Ich weiss auch nicht, ob es mich als Mutter trösten würde, dass die neue Lehrerin meines Kindes halt kein anerkanntes Diplom hat, der Staat dafür aber 20% ihrer Lohnkosten spart…
Vielleicht gucke ich neuerdings auch lieber Fussball oder enerviere mich über die Sommerbekleidung anderer Leute – da kann ich mich spätestens im Herbst wieder abregen!